Gedanken zur grauen Malerei
'die Notwendigkeit der Ungewißheit oder die Widrigkeiten der Schichten sichten.'
Abstrakt, weil sich das Gegenständliche darin befreit, sich loslöst vom Bekannten und Erkannten. Es ist der Übergang in eine unvorstellbare Realität.
Grau, weil sich das Licht langsam durch das Dunkel hindurchgestohlen hat, in der Suche nach den Farben. Es ist der Übergang, wie der Tod. Im Grau haben sich aber auch die Farben zurückgezogen. Sie verbergen sich hinter jedem Ton des Grau-Seins. Das Grau hat die Potentialität einer jeden vorhandenen Farbe. Grau ist Bewegung zwischen dem Hier und Da. Es läßt sich nicht festhalten, wie das Rot in seiner Klarheit. Das Grau hat keine Eindeutigkeit mehr und es flieht vor jeder Definition.
Die grauen Bilder entstanden während mein Vater im Hospiz war. Er starb am 26.12.2008. An einem Tag im November hat er den ganzen Tag geweint. Seine Tränen flossen, an diesem Tag war es grau und die Farbe war von seinem Gesicht gewichen. Er sagte: Ich muß Dich verlassen. Der Atem der Natur bestimmte an diesem Tag was unweigerlich zu folgen hatte. Die Vielfalt der Farben ist der unendliche Unterschied, unvergleichbar doch entrückt dem Vermögen der je einzelnen Erkenntnis. Das was sich zeigt, entzieht sich im Schleier des Unerkannten, und das Grau ist die Schicht, die das Undefinierte an sich zu binden vermag. Das Grau ist die Einheit aller Farben, wie ein dominanter Schatten, der sonst unsichtbar scheint, weil unsere Wahrnehmung nach dem Erkennbaren drängt.
Es kam mir ein Gedanke, den ich fast vergessen hatte. Während meiner Indienreisen war es immer so, daß man nichts Bestimmtes wollen konnte, denn es kam immer alles anders und der Wille war zu eingeschränkt, fest verwickelt im Konkreten.
Diesmal lehrte mich mein Vater noch einmal eine wichtige Lektion: Wenn ich meinen Plan zu ihm bringe, so kam es zu keiner Erfüllung. Das bedeutete, daß die Absicht für etwas Bestimmtes die Welt in seinem Für-Sich Sein noch nicht berücksichtigt hatte. Also auch die Gedanken waren schon besetzt aber erst ohne Absicht ist der Weg frei für das was kommen mag: das Unvorhersehbare. Das Unbestimmte setzt sich im Leben fort ohne den Einsatz der Erwartungen für einen erfüllten Willen.
Jede nur erdenkliche Farbe wird Grau. Prinzipiell einsichtig ist Grau eine Mischfarbe aus Schwarz und Weiß mit unendlichen Tönen zwischen Licht und Schatten. Der Ausgang besteht also aus zwei klaren, eindeutigen Standpunkten und daraus entsteht die Vielfalt einerseits und anderseits eine 'unbestimmte' Schicht, die die Erwartung der Klarheit enttäuscht aber doch schützt. Die ersten Grau-Studien in Öl erforschen die Entstehung von Grau und in der Bewegung der Vermischung entstanden Ähnlichkeiten zu Berg und Wasser. Diese Analogien sind natürlich nur in der Vorstellung aber sie beeinflussen den Verlauf. Ich muß jetzt aus dem Fenster schauen. Es ist kalt geworden und die Landschaft verschwindet im Grauen Nebel.
Nachschrift, Dagmar I. Glausnitzer, 2009

